• Irmtraut Kampe: Die Frage nach dem Schicksal meines Vaters hat mich nicht losgelassen. Foto: kmk

    Irmtraut Kampe: Die Frage nach dem Schicksal meines Vaters hat mich nicht losgelassen. Foto: kmk

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Der schwere Gang nach Bautzen

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Der Mauerfall vor 30 Jahren – das ist Thema in diesen Tagen. Im Fernsehen laufen Dokus, bei uns im Radio kommen Zeitzeugen zu Wort. Sie erinnern sich an die Stunden und Tage um den 9. November 1989. Über die Geschichte von Irmtraut Kampe könnten wir nicht berichten, wäre die Mauer nicht gefallen. Heute – nach über 70 Jahren – sie endlich Gewissheit, was mit ihrem Vater geschah. Ihr Weg führte sie in diesen Tagen nach Bautzen.

Rückblick: Irmtraut Kampe wuchs in Waren an der Müritz auf. Ihre Eltern hatten einen kleinen Kolonialwarenladen. Der Vater wurde eingezogen. Es war Krieg. Nach Kriegsende kehrte er zurück nach Hause. Aber schon wenige Wochen später, im Juni '45 holten ihn die Russen, verschleppten ihn nach Fünfeichen bei Neubrandenburg, in eines der berüchtigten Speziallager in der Sowjetischen Besatzungszone.

"Wenn jemand fragte, hieß es: Vater ist verschollen"

 Wenige Monate später starb die Mutter von Irmtraut. Die Spur des Vaters verlor sich. Nachforschungen waren unerwünscht. Irmtraut Kampe war damals noch ein Kind. "Man sprach darüber nicht. Man hatte geschwiegen", erinnert sich die heute 83-Jährige. Wenn jemand fragte, dann hieß es: Vater ist verschollen. Dennoch: Die Frage nach dem Schicksal ihres Vaters ließ Irmtraut Kampe in all den Jahren nicht los.

"Mir hat der Mut gefehlt"

Doch habe ihr der Mut gefehlt. Der Mut nachzufragen, nachzuforschen. Auch nach der Wende 1989. Es hatte Jahre gedauert, bis sie sich aufmachte, mit ihrem Mann nach Fünfeichen fuhr, dort auf Spurensuche ging. Später hörten sie, dass Totenlisten aufgetaucht seien, in Bautzen.

Irmtraut Kampe erinnerte sich an einem Brief von Deutschen Roten Kreuz, den ihre Großmutter 1948 erhalten hatte. Sollte ihr Vater wirklich in Bautzen umgekommen sein? Oder wurde er doch nach Russland verschleppt? Die Frage ließ ihr keine Ruhe. Wieder vergingen Jahre.

Der schwere Gang nach Bautzen

Bei einem Kurzurlaub vor ein paar Tagen in Görlitz schlug Sohn Günther vor: Kommt, lasst uns einen Ausflug nach Bautzen machen. In der Gedenkstätte – dem ehemals berüchtigten Gefängnis Bautzen II – stiegen sie die Treppe in das erste Stockwerk in die Ausstellung hinauf und entdeckten ein Totenbuch mit dem Namen ihres Vaters.

Friedrich Lindow starb am 17. Mai 1949 in Bautzen. Wie er ums Leben kam, das steht nicht im Totenbuch. Er wurde damals höchstwahrscheinlich auf dem Bautzener Karnikelberg verscharrt – wie auch   rund 3.000 andere  Häftlingen, die von 1945 bis 1956 im sowjetischen Speziallager Bautzen ums Leben kamen.

Irmtraut Kampe aber hat nun Gewissheit. Gewissheit nach über 70 Jahren.

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Reporter Knut-Michael Kunoth