Die Görlitzer Rathaustreppe mit Kanzel und Justizia ohne Augenbinde
Die Görlitzer Altstadt. Wer von der Brüderstraße auf den Untermarkt läuft, kommt an ihr vorbei. Sie ist Fotomotiv. Hochzeitspaare betreten sie, nachdem sie sich das Jawort gegeben haben.
Die Rathaustreppe. Sie wurde 1537 nach den Plänen von Wendel Roskopf erbaut. Dazu gehört auch die Kanzel.
Stadtwächter Gunnar Buchwald
Sie war dafür da, um alle Neuigkeiten dem Görlitzer Volk mitteilen zu können. Denn nicht zuletzt befand sich hinter der hölzernen Tür unser Gerichts- und Tanzgebäude – eine merkwürdige Mischung. Jahre später kam dann noch die Justitia und auch die Säule, auf der sie da steht, dazu. Und damals wie heute trägt unsere Justitia keine Augenbinde. Die hat man nicht etwa durch Schusslichkeit vergessen, sondern ganz bewusst weggelassen. Denn das Volk konnte kaum lesen und schreiben, und eine Justitia ohne Augenbinde damals wie heute drückt aus, dass es sich hierbei um die höchste Gerichtsbarkeit im Lande handelte.
An der Rathaustreppe prangt das Wappen des Ungarnkönigs Matthias Corvinus.
Im ausgehenden 15. Jahrhundert klebte die Oberlausitz noch an Böhmen, und in jener Zeit fielen weite Teile Böhmens an die ungarische Herrschaft. Und damit bekamen auch wir Görlitzer einen neuen Landesherren, den es zu huldigen galt.
Und Buchwald ergänzt:
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass all das, was wir heute hier sehen – die Verkleidung der Kanzel, die Säule, die Justitia – das Werk eines Dresdner Künstlers ist. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges wurden all diese Dinge ausgelagert, um sie vor einer eventuellen Zerstörung zu schützen. Man hatte all diese Teile auf die andere Seite der Neiße gebracht. Sie gelten als verschollen. Vor einigen Jahren wieder aufgetaucht ist die Verkleidung der Kanzel und die Säule. Beide stehen hinter der Holztür im Rathaus, geschützt vor dem Wetter.
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