„Fragmente der Görlitzer Thorarolle gehören nicht ins Ratsarchiv“
Die Überraschung war groß, die Freude auch. Vor einer Woche erhielt Görlitz vier Pergamentrollen - Teile der Thorarolle aus der Görlitzer Synagoge. Die Schriftbänder hatte ein evangelischer Pfarrer mehr als 50 Jahre aufbewahrt. Er übergab sie dem Ratsarchiv. Die Stadt will die Fragmente wissenschaftlich aufbereiten und anschließend öffentlich ausstellen. Doch das stößt auf Kritik.
Der Vorsitzende des Vereins „Jüdische Gemeinde Görlitz/Zgorzelec und Umgebung“, Alex Jacobowitz, fühlt sich übergangen. Es gehe nicht um städtisches Eigentum, sondern um die ehemalige jüdische Gemeinde in Görlitz. Die nutzbaren Teile sollten in eine neue Thorarolle eingebunden werden und ihren Platz in der Synagoge finden, sagte er uns.
Die Stadt will die Fragmente untersuchen lassen und anschließend öffentlich ausstellen. Jacobowitz ist verschnupft: „Zur Übergabe der Fragmente war niemand von uns eingeladen.“ Der Vereinsvorsitzende will ein Gespräch mit der Stadt.
Bedauerlich, wie die Sache gelaufen ist, findet Marion Gardei. Sie ist die Beauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz für Erinnerungskultur und jüdisches Leben. Sie ärgert sich, dass der Pfarrer, der die Fragmente aufbewahrt hatte, seine Kirche nicht vorab informierte. „Die Herkunft der Thorarollen und ihre Rettung sollte nun genauer erforscht werden. Die Thorarolle selbst sollte repariert und an die Repräsentanten jüdischen Lebens in Deutschland übergeben werden. Denn die Thora ist das lebendige Wort Gottes. Es gehört in den jüdischen Gottesdienst und nicht in ein Museum.“