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Görlitz will an den polnischen Fahrdraht - aber das kann noch dauern

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Der Bahnhof Görlitz soll so schnell wie möglich elektrifiziert werden. Eine entsprechende Erklärung haben heute  die Stadt, das Land Sachsen und die die Wojewodschaft Niederschlesien in Görlitz verabschiedet. Für Görlitz biete die kurzfristig machbare Verlängerung der polnischen Elektrifizierung eine große Chance, heißt es darin. Die Erklärung soll auf dem Bahngipfel am 11. Juni in Potsdam der Bundesregierung übergeben werden.

Die Elektrifizierung des Görlitzer Bahnhofes hat für Polen obere Priorität. Der Fahrdraht soll von der Grenze über zwei Gleise zu zwei Bahnsteigen gezogen werden – auf einer Länge von 800 Metern. Darüber sei man sich mit der deutschen Seite grundsätzlich einig, sagte Jakub Kapturzak vom polnischen Infrastruktur-Ministerium. Er stellte in Aussicht, dass nach der Elektrifizierung täglich ein Zug von Görlitz nach Warschau fahren wird.

Der Anschluss des Görlitzer Bahnhofes an das polnische Gleichstromnetz wird aber nicht – so wie von Polen gewünscht – bis Ende nächsten Jahres möglich sein. Baubeginn könnte erst 2026 sein, schätzt Ulrich Mölke, Projektverantwortlicher der Deutschen Bahn. Eine Brücke muss neu errichtet, alle elektrischen Anlagen im Bahnhof dem polnischen Gleichstromsystem angepasst werden. Umfangreiche Untersuchungen seien notwendig. Die Bauzeit würde anderthalb Jahre dauern. So könnte der erste elektrische Zug aus Polen erst 2027 nach Görlitz einfahren. „Das ist schon Expresstempo“, so Mölke.

Die Nachbarn drängen aber auf einen viel früheren Termin. Warschau wäre es am liebsten, wenn der Fahrdraht schon bis Ende nächsten Jahres den Görlitzer Bahnhof erreicht hat. Auch der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege drückt auf Tempo. Es sei höchstes Zeit für gemeinsames Handeln. 2027 ist für ihn nicht akzeptabel. Für ihn steht weiter als oberstes Ziel die Elektrifizierung der gesamten Strecke Dresden - Görlitz.

Polen treibt unterdessen die Elektrifizierung seines grenznahen Netzes weiter voran. So wird nicht nur der Fahrdraht von Kohlfurt nach Zgorzelec gezogen und damit der Ausbau der für Tempo 160 ausgelegten Strecke von Breslau bis zur Neiße abgeschlossen. Auch die Linie Zgorzelec-Lauban soll elektrifiziert werden – und zwar bis 2022. Danach würde keine Bahn mehr von Polen nach Görlitz fahren, weil nur noch Elektrozüge auf den Strecken nach Hirschberg und Breslau verkehren. Es sei denn, bis dahin ist auch der Bahnhof Görlitz am Fahrdraht. „Wir möchten aber alles tun, um keine Mauer an der Grenze zu bauen und nicht das zu zerstören, was wir in den letzten Jahren erreicht haben“, so Piotr Rachwalski vom polnischen Bahnunternehmen Niederschlesien.

Weiterhin keine Bewegung gibt es bei der seit über 20 Jahren geforderten Elektrifizierung der Strecke von Dresden nach Görlitz. Der Bund will sich erst im dritten Quartal dazu äußern, ob das Projekt in den vordringlichen Bedarf des 2016 beschlossenen Bundesverkehrswegeplans aufgenommen wird, so Bernd Sablotny, Abteilungsleiter im sächsischen Wirtschaftsministerium. Das ist die Voraussetzung für die Finanzierung durch den Bund. Trotzdem ist Sachsen schon bei den Vorplanungen mit zehn Millionen Euro in Vorleistung gegangen. Der Freistaat ist auch bereit, gemeinsam mit Brandenburg beim Ausbau der Strecke Görlitz – Cottbus in Vorleistung zu gehen. Doch auch dieses Projekt hat für den Bund momentan keine oberste Priorität.