Demo am Sonntagnachmittag in der Bautzener Innenstadt. Der Kornmarkt in Bautzen - Brennpunkt der Kriminalität in der Stadt.
Pressekonferenz im Gewandhaus Donnerstagachmittag. Fotos: Tele-Lausitz (Danilo Dittrich), Knut-Michael Kunoth
Keine erneuten Krawalle in Bautzen
Mehr als 400 Menschen haben am Sonntagnachmittag in der Innenstadt demonstriert. Nach Angaben der Polizei verlief der Aufzug ohne Zwischenfälle. Unter den Teilnehmern seien viele gewaltbereite Linksautonome gewesen. Sie hatten gegen eine Kundgebung von Rechtsextremen demonstriert. Die Polizei sorgte mit einem Großaufgebot für Ordnung und Sicherheit.
Unterdessen hat der Bautzner Landtagsabgeordnete Marko Schiemann zu einem „Bautzen-Gipfel“ eingeladen. Der CDU-Politiker will, das Vertreter von Regierung, Stadt und Landkreis an einen Tisch kommen. Bautzen dürfe nicht zu einem Ort der Pöbelei von Extremisten werden.
Auf dem Bautzener Kornmarkt war es in den vergangenen Wochen wiederholt zu Übergriffen gekommen. So wurde vergangenen Dienstag ein 32-jähriger Bautzener von einem Asylbewerber mit einer Bierflasche schwer verletzt. In der Nacht zu Donnerstag kam es zu Krawallen, die ebenfalls laut Polizei von jungen Flüchtlingen ausgingen. Anschließend verfolgten Rechte die Asylbewerber zu ihrer Unterkunft. Seit Freitag gilt ein Kontrollbereich um den Kornmarkt. Passanten können dort ohne Verdacht kontrolliert und zur Identitätsprüfung auch festgehalten werden.
Die Polizei hat um den Bautzener Kornmarkt einen Kontrollbereich eingerichtet. Damit sollen erneute Krawalle verhindert werden. Dabei gehe es insbesondere um Straftaten der Volksverhetzung, des Raubes und Verstöße gegen das Versammlungsgesetz, teilte die Polizeidirektion Görlitz mit. Jeder könne im Bereich des Kornmarktes kontrolliert und zur Klärung der Identität festgehalten werden. Der Kontrollbereich gilt bis 26. September. Er erstreckt sich bis zur Spree im Osten, bis zu den Schilleranlagen in Süden, bis zur Wallstraße im Westen und bis zu Reichen- und Heringstraße im Norden.
Die Lage in Bautzen blieb am Freitagabend ruhig. Nur vereinzelt seien im Umfeld des Kornmarktes augenscheinlich Rechtsextreme in Erscheinung getreten, so die Polizei.
Nach den Krawallen in den vergangenen Tagen in Bautzen ist die Lage auch Donnerstagnacht überwiegend friedlich geblieben. Rund 90 Polizisten waren im Einsatz. Acht Straftaten wurden aufgenommen. So schlug ein 30-Jähriger einem Kameramann auf den Arm. Rund 350 Schaulustige waren am Abend auf den Bautzener Kornmarkt gekommen. Darunter seien zahlreiche junge Männer gewesen, die augenscheinlich dem rechten Spektrum zugerechnet werden könnten, so die Polizei.
Oberbürgermeister Alexander Ahrens suchte das Gespräch mit den Passanten. Es ertönten Pfiffe. Die Polizei trennte Teilnehmer einer Versammlung aus dem linksalternativen Spektrum und Anwesende aus dem rechten Lager.
Einschätzung des Bautzener Polizeichefs Uwe Kilz: Die Einsatztaktik sei aufgegangen. Unschöne Szenen, wie an den vergangenen Abenden, habe es nicht gegeben. Trotzdem herrschte auch in dieser Nacht eine aufgeheizte Stimmung. Von den zwei angekündigten Versammlungen wurde eine abgesagt. Der Anmelder einer Gruppe mit dem Namen „Widerstand Bischofswerda“ hatte kurzfristig seinen Antrag zurückgezogen.
Bautzen bleibt im Fokus der Polizei. Weitere Demonstrationen wurden angekündigt – eine aber bereits kurzfristig abgesagt. So zog der Veranstalter der Initiative „Die Sachsen demonstrieren“ seinen Antrag für einen für heute Abend geplanten Aufzug auf dem Hauptmarkt zurück. Er hatte eine Kundgebung unter dem Motto „Bautzen bleibt deutsch-sorbisch. Gegen eine Flutung von Asylbewerbern in Bautzen“ angemeldet. Zu einer Mahnwache für den Heimat- und Weltfrieden. wollen sich am Nachmittag rund 20 Menschen auf dem Kornmarkt zusammenfinden.
Für Sonntagnachmittag wurde eine weitere Demo angemeldet. Die Veranstalter wollten unter dem Motto „Migrantengewalt stoppen, keine Berliner Zustände in Bautzen“ durch Bautzen marschieren. Das bestätigte uns das Landratsamt. Erwartet werden 200 Teilnehmer. Für Morgen sind keine Aufzüge angemeldet. Die Lage bleibt angespannt. Polizeieinheiten stehen bereit. Krawalle wie am vergangenen Mittwoch sollen im Keim erstickt werden.
In der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag war es zu massiven Ausschreitungen gekommen. Auf dem Kornmarkt standen sich rund 80 Deutsche und etwa 20 junge Asylbewerber gegenüber. Es kam zu Pöbeleien und Handgreiflichkeiten. Zeugen zufolge flogen Flaschen. Die Situation schaukelte sich durch gegenseitige Provokationen hoch. Auslöser für die Übergriffe waren Polizeiangaben zufolge junge Asylbewerber.
Aus der Gruppe der Deutschen, die nach Einschätzung der Polizei in großer Zahl aus dem rechten Spektrum kam, wurden Parolen skandiert, wie etwa: "Der Bautzener Kornmarkt gehört den Deutschen". Die Polizisten trennten die beiden Lager. Die Beamten wurden von Asylbewerbern mit Flaschen und Holzlatten attackiert. Daraufhin setzten die Polizisten Pfefferspray und Gummiknüppel ein.
Danach liefen die Asylbewerber zu ihrer Unterkunft an der Dresdner Straße. Sie wurden von einer Gruppe von Deutschen verfolgt. Die Polizei riegelte das Asylbewerberheim ab und verhinderte so weitere Übergriffe. Ebenso postierten sich Streifen vor andere Flüchtlingsunterkünfte in Bautzen.
Die Besatzung eines Rettungswagens, die einem 18-jährigen Marokkaner mit Schnittverletzungen zur Hilfe eilte, wurde von von mehreren Männern auf der Friedensbrücke gestoppt und mit Steinen beworfen. Erst unter Polizeischutz konnte das Fahrzeug das Asylbewerberheim an der Dresdner Straße erreichen.
Am frühen Donnerstagmorgen beruhigte sich die Lage. Die Polizei war mit 100 Kräften im Einsatz. Ermittlungen wurden aufgenommen. Die Kripo sucht Zeugen. Hinweise an das Polizeirevier Bautzen (03591 – 3560) oder eine andere Polizeidienststelle.
Vier Rädelsführer seien ermittelt worden, so der Bautzener Polizeichef Uwe Kilz am Donnerstagnachmittag auf einer Pressekonferenz. Sie wurden nach Angaben des stellvertretenden Landrates Udo Witschas in anderen Unterkünften im Landkreis Bautzen untergebracht. Das Landratsamt ordnete inzwischen ein Ausgehverbot für sogenannte unbegleitete junge Flüchtlinge. Sie dürfen die Unterkünfte ab 19 Uhr nicht mehr verlassen. Außerdem wurde ein Alkoholverbot ausgesprochen.
Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens verurteilte die Ausschreitungen auf das Schärfste. Die Gewaltattacken haben nach seiner Ansicht eine neue Qualität angenommen. Es könne nicht sein, dass Bautzen zum Spielplatz von gewaltbereiten Rechten werde. Der OB kündigte eine massive Polizeipräsenz an und Streetworker auf der "Platte", wie der Kornmarkt von den Bautzenern genannt wird. Sein Stellvertreter, Robert Böhmer, sprach sich im Interview mit unserem Sender für eine Videoüberwachung und ein Alkoholverbot aus.
Ob Milieu, Asylbewerber oder andere Gruppierungen – Gewalt werde nicht toleriert, so Oberbürgermeister Ahrens. Der OB kündigte den Einsatz von Streetworkern an. Sie sollen schon im Vorfeld verhindern, dass es zu Gewaltattacken kommt. Dabei setzt Ahrens auf die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt. Außerdem will er Mitarbeiter des Ordnungsamtes in die Spur schicken. Sie sollen gemeinsam mit der Polizei Präsenz auf der "Platte" zeigen.
Die "Platte" hat sich zu einem Kriminalitätsbrennpunkt entwickelt. Die Polizei wurde zwischen Anfang April und Ende August zu 72 Einsätzen gerufen. Die Konfrontationen seien geprägt von wechselseitigen Provokationen. Meist spiele Alkohol eine Rolle, so Polizeisprecher Thomas Knaup. Neben jungen Leuten und dem «Trinkermilieu» aus Bautzen suchen vor allem bei schönem Wetter auch viele Asylbewerber am Abend den Platz auf.
In einem angrenzenden Hotel häufen sich die Beschwerden von Gästen. Es ist jede Nacht entsetzlicher Lärm, so Hoteldirektor Holger Thieme. Er schrieb einen Brief an die Stadtverwaltung und forderte unter anderem Alkoholverbote und Platzverweise.
Statement von Oberbürgermeister Alexander Ahrens bei Facebook:
Audio:
Reporter Knut-Michael Kunoth im Gespräch mit dem Bautzener Bürgermeister Robert Böhmer




