Oberbürgermeister abgesetzt - Görlitz gedenkt Aufständischen
In Görlitz wird heute an Teilnehmer und Opfer des Volksaufstandes vor 67 Jahren erinnert. Die Stadt war ein Brennpunkt und Zentrum der Erhebung in der DDR. Historiker schätzen, dass damals bis zu 30.000 Menschen auf die Straße gingen. Sie forderten den Rücktritt der SED-Regierung, freie Wahlen und die Auflösung der kasernierten Volkspolizei sowie die Aufhebung der Oder-Neiße-Grenze.
Schaltstellen der Macht für einige Stunden besetzt
Die Aufständischen übernahmen für einige Stunden die Macht in Görlitz. „Sie setzten den Oberbürgermeister ab und besetzten Schaltstellen der Macht. Die beiden Gefängnisse wurden gestürmt und politische Häftlinge freigelassen.“, so Ratsarchivar Siegfried Hoche. Dabei sei es zu keinen großen gewaltsamen Ausschreitungen oder Fällen von Lynchjustiz gekommen.
„Es war ein Volksaufstand im Wortsinn“
Am Aufstand in Görlitz beteiligten sich nicht nur Arbeiter, sondern auch Handwerker, Unternehmer, Ärzte, Lehrer und Schüler. „Es war im Wortsinn ein Volksaufstand“, so Hoche. Ein Stadtkomitee wurde gebildet. Eine Bürgerwehr sollte für Ordnung sorgen. Allerdings kam es vereinzelt auch zu Verwüstungen. „Die Massen stürmten die Berliner Straße herunter und schlugen Schaufensterscheiben ein. Brote wurden auf die Straße geschmissen“, erinnert sich Wolfgang Kretschmer. Er war damals 17 Jahre alt, Lehrling in einer Bäckerei. Die Demonstranten skandierten: „Meister, lass deine Lehrlinge raus! Kommt alle mit!“. Kretschmers Staatsbürgerkunde-Lehrer habe damals für ein paar Tage sein SED-Parteiabzeichen abgelegt.
Über den Stadtfunk wurde der Belagerungszustand ausgerufen
Doch schon am Nachmittag des 17.Juni wendete sich das Blatt. Die Herrschenden rissen wieder das Heft des Handelns an sich. „Über den Stadtfunk wurde der Belagerungszustand ausgerufen, ein Streik- und Demonstrationsverbot verhängt“, weiß der Ratsarchivar zu berichten. Dann kamen auch schon die Russen. Sie fuhren mit T 34-Panzern in die Stadt. Ihre Präsenz zeigte offenbar Wirkung. Menschen liefen auseinander. Die sowjetischen Besatzer drohten mit der sofortigen Erschießung der „Aufrührer“.
In den darauffolgenden Tagen wurden viele Aufständische - in der Sprache der SED-Machthaber „Rädelsführer“ genannt - festgenommen. Sie erhielten langjährige Haftstrafen. Zwei Jugendliche sollen damals zum Tode verurteilt worden sein. Anderen Aufständischen gelang im letzten Augenblick die Flucht nach Westberlin.