Wo die Oberlausitz am tiefsten liegt
Ein Grundstein am Ufer der Schwarzen Elster erinnert in Tettau an einen geografischen Rekord
Tettau ist nicht das, was man gemeinhin unter einem Ausflugsziel versteht. Die Gemeinde im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, an der östlichen Kante des Schraden gelegen, zählt knapp 800 Einwohner und fällt auf keiner touristischen Landkarte besonders auf. Dabei birgt die Gemarkung etwas, das selbst eingefleischten Lausitz-Kennern oft unbekannt ist: den geografisch tiefsten Punkt der gesamten Oberlausitz. Er liegt bei 92 Metern über Normalnull dort, wo die Grenzpulsnitz einst in die Schwarze Elster mündete, an der Elsterbrücke zwischen Lauchhammer-West und Schraden.
Dass ausgerechnet diese Ecke der Oberlausitz zu Brandenburg gehört, überrascht viele. Wer an die Region denkt, hat Bautzen, Görlitz oder das sorbische Teichland vor Augen, nicht ein Dorf im äußersten Nordwesten, eingeklemmt zwischen zwei Flüssen und einem Sumpfwald. Nördlich fließt die Schwarze Elster, südlich die Pulsnitz. Die Lage ist unscheinbar. Und doch ist sie rekordverdächtig.
Ein Naturforscher misst, was andere übersehen
Bereits im späten 18. Jahrhundert zog dieser Tiefpunkt wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf sich. Am 20. Mai 1789 reiste der Rittergutsbesitzer und Naturforscher Adolph Traugott von Gersdorf (1744–1807) eigens nach Mückenberg, dem heutigen Lauchhammer-West, um durch barometrische Messungen die Höhenlage des niedrigsten Punktes der Oberlausitz zu bestimmen. Von Gersdorf war Mitbegründer der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften und gehörte zu jenen aufgeklärten Geistern, die das Land, das sie bewohnten, systematisch zu verstehen suchten. Sein Reiseziel an diesem Frühlingstag war kein Gipfel, kein Denkmal, sondern die schlichte Frage: Wo ist die Oberlausitz am tiefsten?
Das Wasser als ständiger Begleiter
Die Tiefenlage hat Tettau über Jahrhunderte geprägt. Was heute als Niederung wirkt, war einst ein durchweichtes, kaum begehbares Gelände, ein spreewaldähnliches Labyrinth aus Gräben, Sumpfwäldern und Überschwemmungsflächen. Dem damaligen Bauern diente der Kahn als bevorzugtes Beförderungsmittel; das Land ließ sich kaum bestellen. Erst die Eindeichung der Schwarzen Elster und die Begradigung der Pulsnitz im 19. Jahrhundert machten die Flächen halbwegs nutzbar. Trocken wurde es nie ganz; in nassen Jahren kämpfen die Landwirte bis heute mit dem Grundwasser.
Ein Grundstein setzt ein Zeichen
Gut zwei Jahrhunderte nach Gersdorfs Messung wurde der Tiefpunkt der Oberlausitz schließlich offiziell markiert. Am 23. Juni 2013 wurde unmittelbar an der Schwarzen Elster, auf der Spitze der Tettauer Gemarkung, ein sichtbares Grundstein-Denkmal feierlich eingeweiht. Es ist kein spektakuläres Monument, aber es benennt, was hier gilt: Dieser Ort, unbekannt und unspektakulär, markiert den geografischen Tiefpunkt einer der ältesten Kulturlandschaften Ostdeutschlands.
Wer bei der Lausitz nur an Höhen denkt – die Lausche, den Hochwald oder den Valtenberg –, dem sei Tettau als Gegenstück empfohlen. Nicht oben, sondern unten liegt zuweilen das Interessantere.
Audio:
Gefördert durch die Sächsische Landesmedienanstalt. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.


